Vier Jahre sind nun vergangen seit unserem Theoriekurs für Alpenfahrten bei Schroeder fire balloons. Mehr als vierzig Piloten mit bereits mehr oder weniger großer Alpenerfahrung hatten sich damals in Schweich eingefunden. Aber was ist das schönste Vorspiel ohne den Höhenpunkt? Seit dem Theoriekurs gab es jedes Jahr eine oder zwei praktische Übungen in Form einer kompletten Alpenüberquerung. Das Ziel war, möglichst viel Wissen und Sicherheitsbewusstsein zu vermitteln. Auch wenn heutzutage fast nichts mehr etwas Besonderes bedeutet, so ist doch eine Alpenüberquerung nach Italien immer noch ein unvergessliches Erlebnis. Man muss sich einmal ins Bewusstsein rufen, dass man diese Reise nur mit einem Fetzen Stoff und einem Weidenkörbchen antritt.
Als ich erstmals ein solches Alpenprojekt mit variablem Termin und Startort vorstellte, gab es auch Bedenken: Konnten sich Teilnehmer so schnell nach Terminfestlegung entscheiden und konnte so schnell der passende Startplatz gefunden werden? Vielleicht meldeten sich auch zu viele auf einmal, dann wäre es auch schwierig. Aber es kam immer die richtige Anzahl von Ballonen zusammen, nämlich zwischen 6 und 10 Teams. Bewährt hat sich auch die Bedingung bei der Anmeldung: zwei Piloten im Korb, wovon einer die englische Phraseologie beherrscht.
Bisher sind wir kein einziges Mal aus den verschiedensten Gegenden nach Bayern angereist, nur um Bier zu trinken. Jedes Mal hatten wir das beste Wetterfenster getroffen. Petrus war uns dabei sicher ebenso behilflich wie das intensive Wetterstudium, das nötige Fingerspitzenge-fühl und Geduld. Ein solches Fenster ist extrem kurz, nicht länger als einen Tag, und es öffnet sich selten, wenn man die grenzwertigen Möglichkeiten nicht mitzählt. Wenn’s Pudding regnet, muss man eben den Löffel parat haben!
Dieses Mal hatte ich selbst Anlaufschwierigkeiten. Meine Irene musste unsere Gäste wieder ausladen, mit denen wir etwas unternehmen wollten.
Werner Wäschenbach, der sonst immer dabei war und Leo Ersfeld hatten mir einen Korb gegeben. Sie hatten beide wichtige Privattermine.
Aber ich hatte schnell eine wundervolle Clique zusammen: Eugen Wallesch und Jörg Zwilling aus meiner Heimat sollten bei mir im Korb mitfahren. Beide sind schon mehrmals mit ihren eigenen Ballonen dabei gewesen. Eugen ist auch noch ein erfahrener Flächenflieger mit Instrumentenberechtigung. Seine Frau Renate und der stets gutgelaunte Christian Schmitz sollten Irene im VW-Allradbus begleiten.
Die Entscheidung zum Rundruf an alle Teilnehmer kam etwas kurzfristiger als sonst. Ich war noch im Zweifel mit der Windrichtung und Windstärke.
Am Freitag, den 13.02.2009 ging dann die Mail an alle Kursteilnehmer: ideale Bedingungen am Sonntag, kein Bodenwind bei Start und Landung, sehr geringe Luftfeuchte in Oberitalien und damit keine Nebelgefahr. Auch hatte ich nochmals an die genaue Prüfung der Sauerstoff- anlage erinnert: Regler schließen, Flasche öffnen, dabei darf kein Fließgeräusch zu hören sein, sonst ist der Anschluss undicht. Außerdem gab ich noch Tipps zum Aufsticken. Diese Hinweise gab es auch Erfahrungen der vergangenen Fahrten.
Als ich am Freitag bei Eugen Wallesch anrief, gab es in etwa folgendes Gespräch: „Guten Morgen Eugen, wie geht’s? Was machst Du so?“ „Ich liege im Bett und habe Kopfweh.“
Bei jedem anderen Kopf wäre die Angelegenheit damit beendet gewesen, aber nicht bei einem aus der Eifel. „Klar bin ich dabei, das Kopfweh spüre ich kaum noch.“ Auch Jörg Zwilling brauchte ich nicht lange zu überreden.
Die weiteren Vorbereitungen liefen wie am Schnürchen. Ich ging stur nach meinem bewährten Notizbüchlein vor. Da ist alles aufgeschrieben, was im Einzelnen zu tun ist, von der Vorbereitung bis hin zum Start.
Am Samstag trafen wir uns mit fünf Mannschaften aus unserem Kurs am Tegernsee: Olaf Groschupf, Udo Scheunig, Markus Pieper, Jochen Kurth, Dieter Jurkat, Harald Vomrath, Joachim Häuser, Alexander Sülberg, Heike Buss, Manfred Beck, Klaus Grüter und unser Team. Wir taten uns mit Michi Unger und Bert Reichart vom Tegernsee zusammen. Auch Günther Binder gesellte sich dazu. Bert kümmerte sich um den Flugplan, Michi um den Startplatz, und ich wurde wieder dazu verdonnert, für alle acht Ballone den Funk zu übernehmen. Jörg und Eugen kümmerten sich um das Übrige.
So konnten alle etwas entspannter den Ausblick genießen. Den Startplatz mussten wir weit nach Osten verlegen, um nicht in den VFR verbotenen Sektor Alpha einzufahren. Wir hatten ja Zeit, da der Höhenwind um acht Uhr noch zu schwach war. Auch wenn man offensichtlich zeitweise Einfluggenehmigungen bekommen kann, so provoziere ich nicht gerne Konfrontationen mit einem teilweise dichten Luftverkehr in Italien, vor allem nicht mit einer größeren Gruppe. Was ist, wenn die Sichten sich in Italien entgegen der Vorhersage verschlechtern oder der Bodenwind lebhafter wird. Außerhalb des genannten Sektors hat man viel mehr Zeit und Raum, um sich einen schönen Landeplatz auszusuchen. In einem McDonald unweit von Rosenheim stärkten wir uns um sieben Uhr in der Frühe und studierten nochmals per hauseigenem Internet in Großbildformat die Wetterprognosen. Punkt 9.30 Uhr hob der erste Ballon ab, und die anderen folgten im Zwei-Minutentakt. Zwischen 5.000 und 5.600 Meter lag die ideale Höhe für unser Vorhaben. Das GPS zeigte mit 205 Grad an, dass der gewählte Startplatz goldrichtig war, wobei allerdings nicht mehr sehr viel Reserve in der Richtung lag. Weder mit Funk noch mit Bodenstationen gab es irgendein Problem. Ein sehr zuvorkommender Innsbrucker Controller war die Ruhe selbst.
Unser FB 6-Brenner gab uns die nötige Sicherheit und Gelassenheit. Trotz eines nur geringen Stickstoffdrucks von 5 – 6 bar war die Brennerleistung völlig ausreichend. Es ist schön, wenn man sich absolut auf sein Material verlassen und sich der Beobachtung der Natur widmen kann. Die Aussicht war grandios!
Als wir am Mt. Adamello vorbeifuhren, wurde ich an eine lange zurückliegende Weitfahrt von der Westschweiz erinnert. Es ging darum, die weiteste Strecke mit 160 Kilogramm Propan zu fahren. Llado Costa von Ultra Magic entschied sich für die schnellere Strömung in 6.000 Metern Höhe. Die Strecke führte allerdings nicht mehr aus dem Hochgebirge heraus. Ich wählte eine niedrigere Höhe und rutschte geradeso nördlich der Alpenkette entlang. Über die Berner Alpen bis zum Oberrheintal bei Chur. Dort hätte ich wegen einer Staubewölkung landen müssen, wenn ich nicht bis über die Talsohle des Rheins abgestiegen wäre. Von dort ging’s zügig in einem Neunzig Grad-Haken nach Norden. Hinter Liechtenstein war ich an der Staubewölkung vorbei und konnte wieder hochsteigen, um die Weitfahrt auf dem Golfplatz bei Sonthofen erfolgreich abzuschließen. Die geringere Geschwindigkeit wurde durch einen geringeren Gasverbrauch und längerer Fahrtzeit voll ausgeglichen. Llado hatte eine schwierige Bergung auf dem 3.500 Meter hohen Adamello vor sich, da sein Gas zu Ende war. Sein Nachholer hieß Heli, meiner Irene.
Die Zeit verflog wie im Traum. Wir wurden von Padua an Garda APP weitergeleitet. Es lief bisher alles zu glatt, es musste noch etwas kommen. Garda meldete: D-OTON no radar contact. Das war doch nicht möglich! Unser neuer Mode-S-Transponder zeigte normales Arbeiten an. Kein Problem, Eugen packte den Ersatz-Transponder aus. Auch das ohne Erfolg. Es vergingen einige spannende Minuten, bevor der Controller kleinlaut meldete, dass seine Anlage ausgefallen sei. Also mussten wir ab und zu Position, Höhe und beabsichtigten Landeort durchgeben. Es ging alles ohne Hektik, da alle Teilnehmer sich an die Anweisungen hielten. Ich versicherte dem Lotsen, dass niemand aus unserer Gruppe den Sektor Alpha antasten würde. Unsere Landeplätze lagen fast alle nah zusammen. Wir konnten stehend zwanzig Kilometer südlich von Brescia landen. Es gab nur ganz leichte Thermik, aber nicht nennenswert. Dies wird einige Wochen später schon anders aussehen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man nach Norden zurückblickte.
Auch wenn es noch recht kühl war, so wärmte die Sonne doch angenehm den ausgekühlten Körper.
Nachdem ich mich bei allen über eine sichere Landung vergewissert hatte, gab ich Meldung an Bert, der den Flugplan in München abmeldete. Ich tat das gleiche nach Absprache bei Villafranca.
Bei unserer Fahrt hatten wir eine Temperatur von minus dreißig Grad, was der Tragkraft sehr zugute kam. In meinem 4.250er mit dem mittlerweile begehrten Sonderstoff hatten wir genügend Gasreserven. Mit sieben VA 70-Flaschen sind wir gestartet und hätten nach der Fünfstundenfahrt noch dreieinhalb Stunden dranhängen können. Aber dann wären wir in den Sektor Alpha gefahren, der südlich von uns einen Bogen macht. Statt mit sieben hätten auch fünf Flaschen im Korb gereicht, aber ich lande lieber mit einem nicht zu leichten Ballon.
Auch wenn eine Alpenüberquerung keine Hexenkunst ist, so sind doch etliche Fallen aufgestellt, in die man leicht geraten kann. Ein Pilot beichtete mir beim Abendessen in Italien, dass er meinen Tipp mit dem Sauerstoffgerät nicht beachtet hat. Sein Sauerstoffgerät war vor dem Start tatsächlich undicht, und er hatte Gott sei dank ein zweites dabei. Ein anderer suchte sich am Startplatz bei anderen seinen Stickstoff zusammen, da er diesen vergessen hatte. Es geht eben nichts ohne Checkliste, egal wie erfahren man sich fühlt. Bei einem weiteren Piloten flog der Blindstopfen während der Ballonfahrt aus einem Y-Stück der Sauerstoffanlage. Er merkte es erst, als sein Mitfahrer sich wegen leichtem Unwohlsein meldete. Ein solches Y-Stück sollte man entweder entfernen oder mit einem Stück Silikonschlauch versehen, das man abknickt und zu bindet.
Für jeden einzelnen hat die Alpenfahrt eine etwas andere Bedeutung. Für mich ist es nicht nur die Überfahrt selbst, sondern schon die Vorbereitung und Vorfreude, der kurze Aufenthalt in Italien mit gemeinsamem Abendessen, die Rückfahrt und die Erinnerung an alles. Es ist auch eine Art Fitnesstraining für Gehirn und Geist. Auf der Rückfahrt wurde im VW-Bus mehr gelacht als auf mancher Kappensitzung beim Karneval.
Der Weg ist das Ziel, und wir freuen uns schon auf die nächste Saison.
Ich danke jedem Einzelnen aus unserem Team für die spontane und kameradschaftliche Mitwirkung, ohne die ein solches Unternehmen nicht durchführbar wäre.
(Hans Kordel)
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